Das Leben in Nordkorea
26. Dez
Tim Thorer war in Nordkorea unterwegs und hat einen netten Bericht für den Springer Verlang verfasst. Es ist wirklich sehr interessant und lesenswert:
Wer als Tourist nach Nordkorea reist, muss sich um nichts Gedanken machen.
In der Tupolew der staatseigenen Fluggesellschaft „Air Koryo“ verteilen schweigsame Stewardessen Propagandamedien, damit man gleich weiß, wie toll das Reiseziel ist. Der Zoll passt auf lästige GPS-Geräte, Computer und Handys auf. Und der als Reiseleitung getarnte Geheimdienst wählt das Hotel, organisiert die Ausflüge, lässt einen pünktlich wecken und achtet darauf, dass man sich nicht verläuft.Wer schlau ist, lobt diese Art der Überwachung als sehr fortschrittlichen Vorteil. Wer noch schlauer ist, sagt dazu: einfach gar nix.
Die einzige Gegend, in der man sich selbst überlassen ist, ist das Hotelzimmer und der Weg von dort zum Bus. Mein Hotel: das „Yanggakdo“ auf der gleichnamigen Insel mitten im Fluss Taedong, der durch die Hauptstadt Pjöngjang fließt. Diese Insel-Lage hat für meine zwei Reiseleiter – Herr Kim und Frau Kim, nicht verwandt, nicht verschwägert – den Vorteil, dass ich ihnen nicht entwischen kann.
Aber das will ich auch nicht. Schlimm genug für sie, nicht zu wissen, dass ich BILD.de-Reporter bin. Dass ich hier zwar im Urlaub, aber natürlich auch im Dienst bin. Dass meine Fotokamera in Kinoqualität filmen kann. Dass ich mich als freischaffender Musiker ausgegeben habe, obwohl ich kein Instrument spiele – dass ich lügen musste, um die angeblich Demokratische Volksrepublik Korea zu sehen.
Ich will ihnen nicht entwischen. Die kontrollierten Ausflüge sind für mich das Spannende. Und nebenbei birgt das Hotel selbst ein großes Abenteuer: Das Geheimnis des fünften Stocks.Ich hatte schon vor der Reise im Internet davon gelesen. Im Aufzug ahne ich, dass das stimmen könnte: Das Yanggakdo hat keine fünfte Etage, zumindest keine offizielle, es gibt keinen Knopf dafür im Lift. Doch es soll die Etage angeblich trotzdem geben.
Ich weiß, ich werde sie finden. Und ich beschließe, den Gang am letzten Abend vor der Abreise zu machen. In Begleitung von sechs neugierigen Mitreisenden.
Was wir dann auch tun. Erster Versuch: Treppenhaus. Erkenntnis: Es gibt den fünften Stock, doch die Tür dorthin ist verriegelt. Zweiter Versuch: Personalaufzug. Klappt nicht sofort, weil der Personalaufzug voll ist und wir auf Koreanisch aus der Kabine gebrüllt werden.Im zweiten Anlauf klappt’s, der Lift ist leer. Die wagemutigen sieben sehen, was sie nicht sehen sollen.
Die Etage hat den gleichen Schnitt wie die Etagen der Hotelgäste. Doch es brennt so gut wie kein Licht. Die Decke ist unverputzt, Rohre liegen frei, ein paar nackte Glühbirnen. Wir biegen nach rechts, sehen Stahltüren statt Gästezimmer, aus einem Raum dringt Licht, das uns lockt.
Bevor wir einen Blick hinein werfen können, begrüßt uns ein Nordkoreaner im dunkelblauen Kim-Jong-Il-Anzug. Wir verstehen ihn nicht, doch natürlich fragt er sich und uns, was hier suchen, wie wir hierher gekommen sind. Er ist überrascht, das nutzen wir aus, sehen uns um, staunen über Propaganda-Wandgemälde im Zwielicht, über Stacheldraht, aufgemalten Stacheldraht.Ein Teil der Gruppe spricht mit dem Einheimischen, zwei von uns gehen in den Raum, aus dem Licht kommt. Wir nehmen alles auf Video auf, heimlich. Sehen Elektronik, Monitore, blinkende Regale, Schalter, vom Boden bis zur Decke.
Nur kurz, der entsetzte Nordkoreaner treibt uns aus diesem Zimmer. Wir tun so, als hätten wir uns verlaufen, wir dummen Touristen. Steigen in den Personalaufzug, fahren in unseren, den 31. Stock. Die Stimmung: zwischen Kinderstreich-Aufregung und ungläubigem Entsetzen.
Werden wir überwacht? Hört man uns im Hotelzimmer ab? Wieso diese aufwendigen Wandgemälde in diesem heruntergekommenen, düsteren Flur? War das echt? Hat die Kamera alles aufgenommen? Wir sehen uns den Film an. Immer wieder. Können kaum glauben, was wir gesehen haben – dass wir es gesehen haben.Wir haben die Abhörzentrale des nordkoreanischen Geheimdienstes im einzigen Luxushotel der Hauptstadt entdeckt.
Dann wird uns klar, dass unser Ausflug sicher längst gemeldet wurde. Und verschwinden in unseren Zimmern. Mit schnellem Herzschlag. Und keinem Grinsen im Gesicht.Planwirtschaft, wie üblich gescheitert, zu essen gibt’s nur 250 Gramm Reis pro Einwohner und Tag, das Volk hungert. Bizarrer Führerkult, ein Toter als amtierender Staatschef, dessen Sohn wohnt in Palästen. Behinderte dürfen nicht in Pjöngjang leben, wer den korrupten Parteikadern nicht gefällt, kommt ins Umerziehungslager und darf sich totarbeiten. Nennt sich ein Häftling selbst „Gefangener“, gibt’s fünf Jahre drauf auf den schleichenden Tod. Und generell: Sippenhaft. Scheißland.
Und doch so schön. Hätte ich nie gedacht. Eine Traumlandschaft, gelbgrüngrell wie ein Gemälde von van Gogh. Zwischendrin Menschen, die sich tatsächlich trauen, frech zu lachen – ich dachte, auch darauf stünde der Tod.Und doch so anders. Das Auge braucht eine Zeit, um zu sehen, was fehlt. Dann fallen die Wiederholungen auf.
Es gibt zum Beispiel keine dicken Nordkoreaner. Die einzigen Fetten sind zufälligerweise der „ewige Präsident Kim il-Sung“, der „geliebte Führer Kim Jong-il“ und der kommende Diktator Kim Jong-Un.
Wer „freiwillig“ zum Militär geht, trägt dunkelbraune Uniform – das sind eine Million Leute. Alle männlichen Zivilisten tragen Kim Jong-Ils Lieblingsoutfit: zu lange Hose plus Jacke mit Gummisaum, einfarbig in Hellbraun, Blau, Schwarz. Die weiblichen Zivilisten tragen entweder Business-Kostüm (dunkler Rock, helle Bluse) oder Festtagskostüm (bunt, seidig, züchtig).Wenn sie nicht gerade unter Beobachtung arbeiten oder sich in Busse, Straßen- oder U-Bahnen zwängen, tanzen die Nordkoreaner zu Ehren des Ewigen zu 3000en auf öffentlichen Plätzen und besuchen dessen unzählige Denkmäler.
Straßencafés, Shoppingmeilen oder Supermärkte besucht hingegen niemand. Was daran liegt, dass es keine gibt.
Doch manchmal sieht man Lächeln, Flirts, Zerstreuung. Wenigstens in der Woche der nationalen Feierlichkeiten. Da grillen und spielen Nordkoreaner in einem Park miteinander, veranstalten sogar Sackhüpfen!In der U-Bahn, 80 Meter unter der Erde, sehe ich sogar ganz Natürliches: Vor mir läuft ein Vater, seine kleine Tochter an der Hand. Sie hüpft, er zieht sie höher, sie glaubt sie fliegt – das machen Väter weltweit. Ich filme das. Er sieht mich nicht. Wahrscheinlich ist er deshalb so unbekümmert. Es bleibt bis zum Ende meiner Reise der einzige Moment mit offen gezeigter Liebe in diesem Land.
Was müssen die Leute für eine Angst haben vor uns.
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